
Pekka Niemelä ist seit Frühjahr 2010 als Cheftrainer für die finnische A-Mannschaft verantwortlich. Nach einem vielversprechenden Start in den vergangenen Winter hat sein Team momentan mit zahlreichen Verletzungen und den schlechtesten Ergebnissen seit Jahren zu kämpfen (
SKIJUMPING.de kommentierte). Nun nimmt Pekka Niemelä im exklusiven Interview mit SKIJUMPING.de-Redakteurin Anna Baumgartner Stellung zur desaströsen Lage seiner Mannschaft und lässt für uns die vergangene Saison noch einmal Revue passieren. Dabei spricht er offen über die Schwierigkeiten, mit denen er zu kämpfen hat, aber auch über Ziele und Herausforderungen für das finnische Skispringen.
Herr Niemelä, vergangene Woche waren sie mit ihrer Mannschaft zum Training in Österreich und Deutschland. Wie ist das Trainingslager verlaufen? Sind Sie zufrieden mit den dort erbrachten Leistungen ihres Teams?
Pekka Niemelä: Wir hatten ein schönes Trainingslager in Deutschland und Österreich. Wir konnten unsere eigene „Dreischanzentournee“ springen, die Bedingungen haben gepasst und die Teamleistung sowie der Teamgeist haben einen vielversprechenden Schritt nach vorne gemacht. Besonders Matti Hautamäki hat mich überzeugt. Sein Trainingsrhythmus und seine Ziele sind auf den Winter gerichtet, es sieht vielversprechend aus.
Da das Trainingslager überhaupt unser erstes wirkliches internationales Trainingslager und alles in allem erst unser zweites im ganzen Sommer war, bedeutet dies, dass ich in diesem Sommer zuvor noch nicht so viele Möglichkeiten gehabt habe, mit dem nationalen Betreuerteam an der Optimierung von Technik, Equipment, Teamdynamik und Sprungfähigkeit der Athleten aus der A-Mannschaft zu arbeiten. Jetzt haben wir eine gute Einheit hinter uns, die nächste steht bereits in einigen Tagen in Norwegen an.
"Wir werden zurückkommen"
Das finnische Team hat derzeit mit vielen Schwierigkeiten zu kämpfen und die schlechtesten Ergebnisse seit vielen Jahren erzielt. Welche Gründe gibt es für das schlechte Abschneiden und wie geht es nun weiter?
Niemelä: Das finnische Team wird mit Sicherheit zurückkommen. Ich weiß noch nicht, wann das der Fall sein wird, aber es wird so kommen. Sicherlich brauchen wir ein wenig Zeit, um Erfolg zu haben.
Tatsächlich hat das finnische Team vor ungefähr acht Monaten die besten Platzierungen seit Jahren erzielt und die Mannschaft war in jeder Hinsicht sehr dynamisch. Wie haben einen Doppelsieg im Heimweltcup gefeiert, zwei Athleten waren bis zum Neujahrsspringen unter den Besten fünf des Gesamtweltcups und wir waren unter den besten drei im Nationencup – so gut hat es seit Jahren nicht ausgesehen. Die neue Generation der Springer, wie zum Beispiel Olli Muotka und Anssi Koivuranta, konnte sich hinter unseren besten Athleten entfalten.
Was dann passiert ist: Wir haben in Finnland im Moment drei Top-Ten-Springer im Weltcup, nachdem Janne Ahonen und Harri Olli ihre Karriere vergangene Saison beendet haben. Dies sind Matti Hautamäki, Ville Larinto und Janne Happonen. Nun müssen wir allerdings aufgrund der Verletzungen auf zwei der drei Springer verzichten. Hinzu kommen zwei Athleten, die ihre Karriere beendet haben – so haben wir innerhalb weniger Monate vier Top-Athleten verloren.
Somit lagen die Erwartungen an das finnische Skispringen zum Ende des Winters und zu Beginn des Sommers auf den Schultern der Springer, die mit ihren Leistungen und Wettkampfsfähigkeiten noch nicht so weit waren. Hautamäki musste nach den Ergebnissen des letzten Winters viel Verantwortung übernehmen. Natürlich würde so ein Verlust allen Teams die gleichen Probleme bereiten. Ich habe während des letzten Jahres viele ernsthafte Stürze gesehen, beispielsweise von Malysz in Zakopane, Pascal Bodmer in Planica, Tom Hilde beim Sommer-Grand-Prix in Hinterzarten. Sie alle hatten das Glück auf ihrer Seite. In unserem Team sahen die Stürze nicht so dramatisch aus, die Sportler hatten aber das Pech auf ihrer Seite.
"Die größte Herausforderung überhaupt"
Nun stehen Sie vor einer großen Herausforderung.
Niemelä: Ich habe große Herausforderungen immer gemocht, weil ich glaube, dass man als Mensch nicht durch den Erfolg wächst, sondern hauptsächlich, indem man sich durch die schwierigen Situationen schlägt. Als ich beispielsweise in Frankreich gearbeitet habe – zu dieser Zeit hatte das ganze Land nur drei Springer, die über 18 Jahre alt waren – glaubten nur Wenige an die Möglichkeit, dass drei verschiedene französische Athleten in Weltcup-Wettbewerben Top-12-Resultate erzielen könnten und sogar aufs Podium springen würden. Beides ist aber passiert.
Dieses Mal habe ich aber sicherlich die größte Herausforderung überhaupt: Zuerst konnte ich innerhalb eines halben Jahres erstaunliche, schöne Fortschritte und ein wirklich dynamisches Team in Finnland beobachten. Aber schon bald haben die Verletzungen kaputt gemacht, was wir aufgebaut hatten. Jetzt ist die Zeit gekommen, wieder von Null anzufangen und dafür brauchen wir auch das Glück auf unserer Seite.
Was sind nun die nächsten Ziele?
Niemelä: Mein Hauptziel ist es, dieses unglaubliche Drama und Pech, das die Fortschritte zerstört und auch den Teamgeist erschüttert hat, in einen Aufwärtstrend zu wenden und die Dynamik in der Mannschaft wieder aufzubauen. All dies muss unter dem Druck der Medien geschehen und dabei gibt es auch Menschen, die einem von hinten das Messer in den Rücken stoßen wollen. Es ist also kein einfaches Vorhaben, aber es ist wirklich einen Versuch wert und ich glaube daran, dass es funktionieren wird.
Hinter unseren drei besten Athleten gibt es eine „neue Genereation“ von Springern wie Anssi Koivuranta, Olli Muotka oder Jarkko Määttä, aber es gibt hier immer noch einen Leistungsabstand bis ganz nach vorne. Die Jungs dieser neuen Generation sind Sportler mit Potential, sie brauchen nur mehr Zeit, um ihre Leistung auf ein Top-Niveau zu bringen, was auch ganz natürlich ist. Wir müssen ihnen genug Zeit geben, damit sie ihre Leistung steigern können, bevor wir von ihnen Spitzenresultate verlangen.
Es ist Zeit, sich auf den individuellen Aufschwung zu konzentrieren und den Stress mit der Nationenwertung zu vergessen. Dann werden wir in der Zukunft, wenn wir die verletzen Athleten wieder in eine gute Form gebracht haben und gleichzeitig die neue Generation stärker sein wird, in der Nationenwertung sogar besser sein als zuvor. Darauf warten wir und dies zu erreichen ist unser Plan. Wir werden sehen, wie das funktioniert.
"Equipment wird optimiert"
Waren die schlechten Ergebnisse des finnischen Teams während des Sommer-Grand-Prix’ der Grund, ein Traininglager anzusetzen?
Niemelä: Ganz im Gegenteil: Wir haben das Trainingslager schon im Herbst 2010 unter Berücksichtigung der finanziellen Situation und unserer Trainingsstrategie geplant, nichts hat sich daran geändert. So haben die Sportler zu Beginn des Sommers zu Hause harte physische Einheiten und Basistraining mit ihren individuellen Trainern absolviert. Beispielsweise bin ich als persönlicher Trainer für Matti Hautamäki und Janne Happonen verantwortlich, so wie es Jari Larinto für Ville Larinto und Olli Muotka ist, Kari Pätäri für Jarko Määttä, Tuomas Virtanen und Annsi Koivuranta, Ari-Pekka Nikkola für Sami Niemi sowie Pasi Kytösaho für Kalle Keituri. Jetzt wird das technische Equipment bis zum Ende des Sommers in den Trainingslagern der A-Mannschaft optimiert – Schritt für Schritt wird somit das ganze Training ein wenig leichter und bekommt ein wenig mehr Qualität.
Welchen Stellenwert nimmt der Sommer-Grand-Prix für Ihre Vorbereitungsphase ein?
Niemelä: In unserer Situation ist Training der einzige Weg, der wieder an die Spitze führt. Vielleicht haben einige Teams einen anderen Trainingsrhythmus und räumen dem Sommer-Grand-Prix eine höhere Priorität ein. Aber mit unserer neuen Generation von Springern können wir bei der Vorbereitung auf den Winter und die Olympischen Spiele nicht zu viele Kompromisse eingehen. Deshalb hat der Sommer-Grand-Prix für uns dieses Jahr keinen so hohen Stellenwert. Natürlich können die Athleten beim Sommer-Grand-Prix wichtige Wettkampferfahrung sammeln, wie es aus unserem Team auch der 16-jährige Jarkko Määttä tun konnte; und sicherlich ist er auch wichtig für die Quote. In Hinblick auf die Starterquote scheint der Sommer-Grand-Prix sogar zu wichtig zu sein – es ist die längste Periode im ganzen Jahr und hat fast die doppelte Anzahl an Wettkämpfen als in der Winterzeit. Ich glaube, dass ein gutes physisches Niveau das Potential unserer Springer erhöhen wird. Darauf zielen wir hin. Die physische Entwicklung im Team ist bisher bereits sehr beeindruckend gewesen.
Werden wir die finnische A-Mannschaft in Hinzenbach und Klingenthal sehen?
Niemelä: Ja.
"Wir konnten uns kaum vorbereiten"
Hat der Sommer-Grand-Prix mit der Polen-Tour im Juli dieses Jahr zu früh für Ihren Trainingsplan begonnen?
Niemelä: Das stimmt tatsächlich, weil wir uns kaum vorbereiten konnten. Es gab vor Beginn des Sommer-Grand-Prix keine Trainingslager der A-Mannschaft. Dennoch wollten wir den jungen Athleten nicht die Möglichkeit nehmen, gute Wettkampferfahrung auf den schönen Schanzen in Polen zu sammeln. Ich konnte nicht persönlich in Polen sein, da die Unterstützung von Matti Hautamäki, Janne Happonen und Ville Larinto in Finnland Priorität hatte.
Nach ersten Trainingssprüngen hat sich Ville Larinto erneut eine Knieverletzung zugezogen und muss wieder pausieren. Denken Sie, dass er in der Lage sein wird, so stark zurückzukommen wie er zu Beginn des letzten Winters gewesen ist?
Niemelä: Ja, er kann das. Er besitzt die Art finnischer Mentalität, die man Sisu nennt. Vor uns liegen großartige Wettkämpfe 2014 in Sotschi. Ville ist jetzt 21 Jahre alt. Gut möglich, dass noch sehr viele Wettkämpfe vor ihm liegen.
Wann wird Janne Happonen wieder mit dem Skispringen beginnen können?
Niemelä: Wir werden sehen, aber bald.
"Landebereich in Garmisch war vereist"
Was hat die neuen Verletzungen verursacht?
Niemelä: Die meisten Verletzungen resultieren aus den weiten Sprüngen. Beide Verletzungen kamen im Winter durch lange Sprünge zustande – beide gingen jeweils über den Hillsize. Ville Larinto hat in Garmisch beim Neujahrsspringen 140,5 Meter erreicht. Der Landebereich war vereist und unstabil, der Flug wegen des starken Aufwinds am Vorbau hoch, dann machte Ville eine Telemarklandung, weil er ein Wettkampfmensch ist. Janne Happonens 240 Meter in Vikersund endeten mit einer Verletzung, obwohl der Sprung noch nicht einmal gefährlich aussah.
Wie beeinflussen die Verletzungen und die derzeitigen Ergebnisse die Stimmung im Team?
Niemelä: Als sie passiert sind, waren natürlich alle Athleten sehr betroffen, die Teamatmosphäre hat darunter gelitten. Es war eine schwierige Situation: In Garmisch führte Janne Ahonen nach dem ersten Durchgang und Anssi Koivuranta war Zweiter, als Larinto seinen Sprung nicht stehen konnte. Aus diesem Grund gab es eine lange Pause und der Wind änderte sich dramatisch. Matti Hautamäki musste lange warten und der Wind hat dann Hautamäkis Chance, um den Sieg der Vierschanzentournee zu kämpfen, einen Strich durch die Rechung gemacht. Nach dem Wettkampf haben wir die Information erhalten, dass Ville Larinto eine sechsmonatige Pause einlegen muss. Wäre Ville nicht gestürzt, hätte er den ganzen Wettbewerb gewinnen können und Hautamäki hätte die Möglichkeit gehabt, um die Gesamtwertung mitzukämpfen. Wenn wir ein bisschen bessere Karten gehabt hätten an diesem Tag, hätten wir den besten Wettkampf der gesamten Saison haben können. Das war ein wirkliches Sportdrama.
Im Februar ging es dann wieder aufwärts. Happonen konnte ein gutes Comeback feiern und sprang mit Hautamäki in vielen Wettbewerben unter die Top Ten. Wir hatten die große Hoffnung, in Oslo vorne mitspringen zu können. Kurz vor dem Springen auf der Normalschanze kam dann die Nachricht, dass Janne Happonen nicht springen könne und eine sechsmonatige Pause einlegen müsse. Wir haben zwei wichtige Personen unserer Mannschaft verloren und damit die meiste Hoffnung auf weitere Top-Platzierungen verloren.
"Konnten uns im Vergleich zu den Vorjahren steigern"
Matti Hautamäki hat bereits öffentlich über ein Karriereende nachgedacht, Anssi Koivuranta hat noch einige Probleme mit der Umstellung von der Nordischen Kombination zum Spezialspringen. Wie sehen Sie die Zukunft des finnischen Skispringens?
Niemelä: Aus unserem A-Team erzielten Matti Hautamäki und Janne Happonen letzten Winter die besten Ergebnisse seit Jahren. Warum sollen wir in dieser Saison also nicht noch eine Steigerung erwarten? Ville Larinto, Anssi Koivuranta, Olli Muotka und Jarkko Määttä sind im vergangenen Winter jeweils ihre persönlich beste Saison gesprungen, auch das gibt Hoffnung.
Ebenso wird deutlich, dass wir die Ergebnisse im Vergleich zu den Jahren zuvor im letzten Winter steigern konnten. Trotzdem wird es schwierig, gute Ergebnisse, wie zu Zeiten von Janne Ahonen, zu erreichen. Unsere Ressourcen und das Budget sind sehr viel kleiner als bei den besten Skisprungnationen und wir haben nicht viele Springer, weshalb wir wirklich alles richtig machen müssen. Ein weiterer interessanter Aspekt ist, dass die mitteleuropäischen Skisprungnationen in den Jahren 2000 bis 2010 ihre Schanzenprofile modernisieren konnten und die Wettkämpfe nicht mehr morgens sondern abends stattfinden. Dies bedeutet, dass die Wettbewerbe – zumindest in den Alpen – hauptsächlich bei Rückenwind anstatt bei Aufwind von der Bühne gehen. In Finnland haben wir überhaupt nicht die Möglichkeit, bei entsprechenden Verhältnissen zu trainieren.
Gibt es genug Nachwuchs, um die Zukunft des finnischen Skispringens zu sichern? Ist Jarkko Määttä vielleicht Finnlands neue Hoffnung?
Niemelä: Jarkko Määttä hat Potential. Allgemein ist aber die kommende Generation noch weit entfernt von unserer A-Mannschaft. Es sind alles etwa 15-jährige Jungs oder noch jüngere. Sie haben zwar großes Potenzial, aber man muss weiter mit ihnen arbeiten. In den vergangenen Jahren hat man nicht genug in die Nachwuchsarbeit investiert, jetzt müssen wir den Preis dafür bezahlen.
Ich habe im Frühling 2010 die Herausforderung in Finnland angenommen, als die Ergebnisse ganz unten waren. Mein Ziel war es, die A-Mannschaft an die Weltspitze heranzuführen und die Ergebnisse des letzten Winters haben gezeigt, dass das funktionieren kann.
"Wollen das beste Material entwickeln"
Trotz der schlechten finanziellen Situation der finnischen Mannschaft wurde vergangene Saison mit dem Serviceman Gerhard Hofer ein starker Fokus auf die Materialentwicklung und neue Bindungssysteme gelegt. Jetzt berichten Medien, dass die Technische Universität Tampere an einem neuen Bindungssystem arbeitet, das noch nicht getestet wurde. Denken Sie, dass die Fokussierung auf das Material dabei helfen wird, bessere Platzierungen zu erzielen?
Niemelä: Wir waren lange Zeit mit der Materialsituation nicht zufrieden. Das wollten wir ändern, unsere Kompetenzen in Sachen Material vergrößern und haben daher Gerhard Hofer als Techniker ins Team geholt. Mit Tampere haben wir ein exzellentes Projekt für Olympia, wo auch Janne Ahonen mitarbeitet. Trotzdem steht für mich in Sachen Bindung die Sicherheit an erster Stelle. Viele Bindungen, die im Weltcup gesprungen werden, sind nicht ungefährlich. Wir wollen in Zukunft das beste Material entwickeln und sind sicher auf einem guten Weg.
Haben Sie die neuen Bindungen von der Universität Tampere beim Trainingslager in Deutschland und Österreich getestet?
Niemelä: Nein.
Was sind Ihre Ziele für den kommenden Winter?
Niemelä: Wir wollen den Blick nach vorne richten und uns auf die persönliche Entwicklung der einzelnen Springer konzentrieren. Außerdem wollen wir die nächste Generation nach oben bringen und die Teamdynamik Schritt für Schritt weiterentwickeln. Ich denke zudem, dass Matti Hautamäki fähig ist, den Kampf um Top-Platzierungen im Weltcup aufzunehmen – ebenso hoffe ich auf ein gutes Comeback von Janne Happonen. Der Rest des Teams muss Schritt für Schritt vorankommen. Natürlich ist auch die Skiflug-Weltmeisterschaft für uns ein großes Highlight.
Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg bei der Umsetzung der Ziele für die Zukunft des finnischen Skispringens!
Foto: Tadeusz Mieczynski