
Werner Schuster startet in diesem Winter in seine vierte Saison als deutscher Bundestrainer. Im SKIJUMPING.de-Interview mit Marco Ries erklärt der Österreicher, welche Ziele er sich für den Winter vorgenommen hat, was Severin Freund nach den letztjährigen Erfolgen zuzutrauen ist und wieso er weiterhin Entwicklungspotenzial im Materialsektor sieht.
Herr Schuster, vor zwei Jahren lautete die Zielvorgabe der DSV-Führung, bis 2014 wieder Skisprungnation Nummer eins zu sein. Wo stehen Sie in dieser Entwicklung derzeit?
Werner Schuster: Österreich hat unter der Führung von Morgenstern und Schlierenzauer immer noch das größte Potenzial. Die Norweger waren ja immer die ersten Verfolger Österreichs. Die Polen befinden sich nach der Ära Malysz als Team auf dem aufsteigenden Ast. Unser Ziel sollte es derzeit also sein, in den nächsten zwei Jahren eindeutige Nummer zwei zu werden.
In der vergangenen Saison konnte Severin Freund zwei Weltcup-Siege erzielen, nun startet er in die zweite Saison als großer Hoffnungsträger für die deutsche Mannschaft. Was trauen Sie ihm zu?
Schuster: Nach der vergangenen Saison liegt die Latte für Severin natürlich höher. Gleichzeitig will er sich aber unter den Spitzenspringern etablieren und verfügt zudem über die Gewissheit, dass er es kann. Wenn er sein Paket schnürt, kann er einer der besten – an speziellen Tagen auch überhaupt der beste Skispringer der Welt sein. Daher ist es für ihn nun wichtig, dass er gut in den Winter startet und sich in diesem Kreis etablieren kann.
"Neben Freund einen oder zwei Sportler unter den Top Ten"
Ist er schon so weit, um die österreichische Mannschaft kontinuierlich "ärgern" zu können?
Schuster: Team Österreich muss man differenziert sehen: Es gibt Thomas Morgenstern und Gregor Schlierenzauer, die beide Ausnahmeerscheinungen sind. Wenn diese beiden in Form sind, wird es für jeden anderen Skispringer der Welt schwierig, sie zu schlagen. Uns geht es in erster Linie darum, neben Severin Freund einen oder zwei weitere Sportler zu Beginn der Saison unter den Top Ten zu platzieren, um dann eine ordentliche Vierschanzentournee springen zu können. So wären wir auch in der Lage, beim Kampf um die Podestplätze ein Wörtchen mitzureden.
Wird man in der kommenden Saison wieder mehr über das Material reden als über den Sport an sich?
Schuster: Das ist schwer zu sagen. Die Bindungsthematik hat sich im Sommer etwas entschärft. Das Material hat und wird im Skispringen immer eine mitentscheidenede Rolle spielen. Ohne das entsprechende Auto kann auch Vettel nicht Weltmeister werden.
Im Frühjahr wurde der BMI nochmals erhöht. Zum Vorteil Ihrer Athleten?
Schuster: Die genauen Auswirkungen sind noch nicht absehbar. Wir haben die Umstellungen im Großen und Ganzen gut gemeistert und versucht individuelle Lösungen zu finden.
"Verschiedene Bereiche sind noch nicht ausgereizt"
Sehen Sie im Materialbereich weiteres Entwicklungspotenzial?
Schuster: Das gibt es immer. Man muss nach wie vor auf der Hut sein, dass man hier am Ball bleibt. Verschiedene Bereiche sind noch nicht ausgereizt. In Zusammenarbeit mit dem FES (Institut für Forschung und Entwicklung von Sportgeräten, Anm. d. Red.) versuchen wir momentan, deren technisches Know-how für das Skispringen zu nutzen.
Was trauen Sie Martin Schmitt in der kommenden Saison zu?
Schuster: Zu Beginn der Trainingsphase sah es bei ihm richtig gut aus, dann kam es aber zu den Knieproblemen. Das hat an seiner Substanz gezehrt und ihn sicherlich auch mental zurückgeworfen. Im Herbst hat er noch keine herausragenden Leistungen geboten. Aber die Erfahrung zeigt, dass es für ihn wieder aufwärts geht, sobald der Winter vor der Tür steht. Ich traue ihm durchaus zu, dass er punktuell noch Großes leisten kann, aber eine gesamte Saison über wird er wohl nicht ganz vorne mitspringen können. Den "alten Martin", der um den Gesamtweltcup mitspringt, wird es sicher nicht wieder geben.
Wie gehen Sie nun die letzten Wochen vor Saisonstart an?
Schuster: Wir haben in Oberstdorf und Garmisch eine kleine Zweischanzentournee als internen Wettkampf absolviert, sind dabei in Garmisch schon auf einer Eisspur gesprungen. Wir wollen für das große Highlight gerüstet sein und haben daher die Vierschanzentournee halbiert. Anfang November springen wir auch in Klingenthal auf Eis, bevor ich mit den ersten Schneesprüngen ab dem 20. November in Lillehammer rechne.
Vielen Dank für das Gespräch.